Warum ich Trauerredner geworden bin ...
So leicht ist diese Frage gar nicht zu beantworten. Denn die Antwort entsteht für mich erst im Rückblick auf Stationen und Momente zu ganz verschiedenen Zeitpunkten in meinem Leben, zwischen denen ich erst Jahre später Verbindungen herstellen konnte. Nur im Erinnern, Nach-Spüren und Reflektieren konnte ich daraus meinen Weg als Trauerredner ableiten und einschlagen.
Zwei solcher Stationen und Momente haben mich bis heute nie mehr losgelassen und müssen mich auf dem Weg zum Trauerredner wohl geprägt haben:
Ich muss neun Jahre alt gewesen sein, als mein Urgroßvater starb. Das wurde damals uns Kindern gegenüber so nicht benannt. Jedoch erinnere ich mich daran, dass wir damals mit meiner Mutter ganz unvermittelt außer der Reihe beim Urgroßvater vorbeigefahren sind. Er lag im Bett und konnte kaum noch reden. Als er dann beim Gehen sein übliches Abschiedslied „Auf Wiedersehen, auf Wiedersehen 🎶🎶“ anstimmte, fühlte sich das vertraut und wohltuend wie immer an, aber auch tiefer und endgültiger als üblich. Wenige Tage später stand ich als kleiner Knirps inmitten Unmassen dunkel gekleideter Menschen auf einem Friedhof und konnte nicht verstehen, wovon der Pfarrer redete und weshalb der Uropa in einer Holzkiste in der Erde verschwand.
Der zweite prägende Moment ereignete sich Jahre später. Er hat mein Leben für immer verändert und ist ein Teil von mir. Ich war damals 26, am Ende meines Studiums angelangt, gerade in die erste eigene Wohnung gezogen und unbeschwert auf dem Weg ins Leben. Da waren dann eines Abends die mit vier an der Zahl ungewöhnlich vielen Anrufe auf dem Anrufbeantworter - alle mit der gleichen Botschaft: „Rufe gleich zurück, wenn du das hörst …, egal wie spät es ist …, wir suchen dich schon …, melde dich auf jeden Fall …“
So erfuhr ich dann, dass mein Vater sich das Leben genommen hatte. Von einer Sekunde zur nächsten hielt meine Welt an. Von jetzt auf gleich war mein Papa nicht mehr da. Der Abschied kam ganz unvermittelt. Nein, es gab gar keinen Abschied! Das schmerzt bis heute. Alles, was in den Tagen nach seinem Tod passierte – Sarg aussuchen, Testament lesen, Trauergespräch mit der Pfarrerin, Trauerfeier, Urnenbeisetzung …, erlebte ich wie neben mir stehend, fremdbestimmt, ferngesteuert.
Seit Kindertagen und umso mehr seit dem Tod meines Vaters beschäftigen mich Abschied, Erinnern, Tod und Trauer. Angehörigen, Freundinnen und Freunden, Trauernden, die einen geliebten Menschen verloren haben, möchte ich als Trauerredner in den schweren Stunden zur Seite stehen. Ich versuche, Momente der Ruhe, des Nach-Spürens und der Erinnerung zu schaffen. Innehalten, Abschied nehmen, weiter gehen ... Gemeinsam können wir auf die Einzigartigkeit der/des Verstorbenen zurückzublicken, erlebte Momente und Stationen nachzeichnen. Gerade wenn es schwerfällt, Worte zu finden, möchte ich den Gedanken und Erinnerungen eine Stimme geben, Ruhe, Trost und Zuversicht vermitteln.